Religion und Beton

Designerkirche aus rohem Beton

Die Zeiten, in denen Beton kein ästhetisches Ansehen genoss, sind endgültig vorbei. Wir stellen vor: die Østerhåb-Kirche in Horsens.

Auf den ersten Blick ähnelt das Gebäude nicht einer Kirche. Man sieht kein Kreuz und nicht einmal der Glockenturm springt ins Auge. Es ähnelt eher einem hochmodernen Bürogebäude mitten in einer Gegend, die eigentlich für Eigenheime vorgesehen ist.

Dennoch lässt sich von dem architektonischen Wunder kaum der Blick abwenden. Um den spirituellen Kontext zu wahren, könnte man beinahe sagen, es zieht einen hinein – wenn nicht aus anderen Gründen, dann aus reiner Neugier.

Und das ist ja auch beabsichtigt …

„Es gibt hier viele schiefe Winkel, die den Betrachter reizen, um die nächste Ecke zu schauen. Tatsächlich muss man die ganze Kirche – und all den Beton – umrunden, um hineinzugelangen”, meint die Pfarrerin der Kirchengemeinde Torsted, Anita Fabricius, und setzt hinzu:

„Das verschafft einem auch Zeit, um die Gedanken des Alltags ein wenig abzustreifen, bevor man den besonderen Raum betritt, den eine Kirche darstellt.“

Ein Neubeginn

Die Kirche ist vor allem aus Stein und Beton errichtet, die von IBF geliefert wurden, und gerade der Beton bildet einen Großteil der schmückenden Ausgestaltung – verweilen wir hierbei ein wenig! Es liegen nämlich Welten zwischen den Assoziationen der 70er Jahre, wie deprimierend doch Betonbauten seien, und den heutigen Methoden, die Natur des Materials zu nutzen. Die Østerhåb-Kirche ist ein solider Beweis dafür.

„Beton ist ja ein hartes Material, aber wenn man sich die vielen Bearbeitungen in der Kirche anschaut, macht der Beton einen unglaublich sanften Eindruck. Man fühlt sich beim Eintritt wirklich angenehm empfangen, und auch die Akustik ist ganz fabelhaft”, sagt die begeisterte Pfarrerin.

Eine der Ursachen liegt vielleicht im Verzicht auf rechtwinklige Ecken und in den auffallend zahlreichen Oberflächen der Østerhåb-Kirche, die eine befreiende und moderne Offenheit signalisieren. Das 400 m2 große Betonfundament heißt den Besucher u.a. schon im Freien mit einem imposanten Kirchplatz willkommen und alle Details sind liebevoll gestaltet – wie zum Beispiel die Treppe des Glockenturms, die aus reinem, rohem Beton gemacht ist.

All das dient der Schaffung einer bemerkenswerten Neuinterpretation der klassischen dänischen Dorfkirche.

Kirche und Design verschmelzen zu einer höheren Einheit

Die Østerhåb-Kirche ist ein Ort, an dem sich die Gemeinde willkommen fühlen soll, und wenngleich Betonbauten hierzu historisch gesehen in scharfem Kontrast stehen, ist die Mission vollständig geglückt.

„Wir füllen Sonntag für Sonntag die Kirche, und es sind nicht nur die üblichen Kirchgänger von früher. Es kommen neue Besucher, die ohne jede Aufforderung sagen: ‚Mensch, das ist aber schön – ich hätte nie gedacht, dass ich mich in einer Kirche zu Hause fühlen würde‘“, erklärt Anita Fabricius.

Für die Pfarrerin gibt es daher auch keinen Hinderungsgrund, die Kirche mit Beton und Design zu kombinieren. Wenn sich diese drei Elemente zu einer höheren Einheit verbinden, kann so nämlich die Entstehung eines neuen – zeitgemäßeren – Raums zum Nutzen aller gefördert werden.

„Wenn Sie eine herkömmliche Kirche betreten, machen Sie beinahe auch einen Schritt um tausend Jahre in der Zeit. Unter diesen Umständen wirken Psalme und die Predigt vielleicht ein wenig belanglos, sofern man mit diesen Dingen nicht sonderlich vertraut ist.

Aber diese neue Kirche hat den Effekt, dass auch das Verständnis der Botschaft den Menschen leichter fällt. Die Erleichterung beruht offenbar darauf, dass wir uns in einer zeitgemäßen Umgebung befinden”, sagt die junge Pfarrerin.

Genau darin liegt eine der wirklich starken Seiten des Betons, der sich in den letzten Jahren neu erfunden hat – sein roher Look und sein sanftes Entgegenkommen wirken auf die Orte, an denen er verwendet wird, einfach ansteckend.